Intelligenz ist so eine wichtige Währung
Konstantin Grcic zählt zu den einflussreichsten Industriedesignern unserer Zeit und zudem ist er muli-Fahrender der frühen Stunde. Sören, Gründer von muli cycles, hat ihn in seinem Studio in Berlin getroffen und mit ihm gesprochen über das muli, über Einfachheit, über ein verändertes Verhältnis zwischen Hersteller und Designer, die Macht von kleinen, ambitionierten Projekten und warum er dennoch gerne mal für IKEA arbeiten würde.
K: Ich stell einfach mal die erste Frage. Da ich selbst schon lange muli fahre, interessiert mich sehr, wie ihr auf dieses Fahrrad gekommen seid. Was war der Auslöser?
S: Gut, fangen wir ganz vorne an. Ich muss sagen, es gab nicht den einen Auslöser. Es sind verschiedene Dinge zusammengekommen. Es gab zum einen meine persönliche Lebenssituation. Leben in der Großstadt, mit zwei kleinen Kindern, noch im Studium, wenig Platz und sehr hohen Logistikanforderungen, für die es noch keine elegante Lösung gab. Dann existierte in Hamburg eine sehr lebendige Fahrradkultur. Die Kuriere fuhren plötzlich alle mit den supersportlichen Bullitt Cargobikes rum und auch die fantastischen Brompton Klappräder waren überall zu sehen. Und dazu kommt dann noch, und sehr entscheidend, dass mein Bruder, nach 10 Jahren Arbeit im Bereich Schweißtechnik, Lust auf eine berufliche Veränderung hatte. In dieser Gemengelage entstand die Idee für eine neue Art von Lastenrad. Ein sehr kompaktes, mit kleinen Reifen, dass sich mehr einfügt in den engen urbanen Raum und dennoch viel transportieren kann. Eine Mischung aus Bullitt und Brompton quasi.
K: Aha, interessant. Also das eine ist sicherlich die Idee von diesem klappbaren Korb für ein Lastenfahrrad. Und dann ist es aber auch irgendwie, die Art wie ihr das konstruktiv umgesetzt habt. Das ist sehr einfach. Und das finde ich so charmant an dem Rad. Ich kenne so eine Einfachheit aus dem Möbelbau. Möbel sind im Vergleich zu manchen anderen Produkten am Schluss sehr einfach. Und darin liegt natürlich auch die Schwierigkeit – einfache Lösungen zu finden und nicht auf aufwendige Formteile und intensives Engineering zu setzen.
S: Genau, exakt.
K: Das finde ich extrem charmant bei euch. Und ich finde, es ist so ein Fahrrad entstanden… der Korb hat so eine Form, es hat was Weiches. Andere Cargos sind da oft eher solche Muskelprotze. Damals als ich mein muli gekauft habe, hattet ihr ein Bild auf eurer Website, das fand ich wahnsinnig. Einer von euch macht tatsächlich so einen…
S: …Wheelie! (lacht)
Genau! So ein Wheelie machte der auf dem Ding. Ich habe es immer versucht, ich habe es nicht geschafft. (lacht) Aber ich dachte bei diesem Bild so… ja genau, am Schluss ist euer Fahrrad noch ein Fahrrad.
S: Absolut. Das ist der Kerngedanke unseres Ansatzes. Ein Lastenrad, das selbst nicht zur Last fällt. Das Fahrrad bleibt.
K: Und ich benutze es auch täglich. Wir haben zwei Kinder, die sind jetzt schon so groß, dass sie eigentlich zu schwer sind. Aber die wollen immer noch da drinsitzen, weil auch der Sitz bei euch so eine Art von Liegestuhl-Hängematte ist. Zumindest wenn sie gegen den Verkehr, also gegen die Fahrtrichtung drinsitzen. Die wollen da einfach immer drinsitzen. Aber ich schleppe auch von hier Einkäufe abends nach der Arbeit nach Hause. Also ich nutze das in all diesen Formen. Auch z.B. mit einer Klappe zu, die andere offen. Irgendwie ist man nicht so breit. Aber du kannst trotzdem oben was reinladen.
S: Oh, hey, das ist noch ein neuer Use Case, den wir mal abbilden sollten. Das haben wir noch nie auf einem Foto gemacht. Eine Klappe auf!
K: Ja. das mache ich total viel.
S: Ich möchte nochmal kurz zurückkommen auf das Stichwort "Einfachheit", dass du vorhin genannt hast. Das ist uns tatsächlich sehr wichtig.
Wir hatten von Anfang an den Anspruch, eine lokale Produktion auf die Beine zu stellen. Man muss ja sagen, wir waren branchenfremd. Und Fahrräder werden eigentlich anders gebaut, als wir das gemacht haben. Üblicherweise werden die Rahmen aus Aluminium gebaut und in Taiwan bestellt, bei den großen Schmieden, die ja eigentlich die Hersteller sind. Und die können natürlich Wahnsinniges. Die können Hydroforming und alles Mögliche. Diesen Weg sind wir bewusst nicht gegangen. Da mein Bruder aus der Schweißbranche kommt, wusste er, was man in der deutschen, metallverarbeitenden Industrie gut fertigen kann. Und entsprechend haben wir den Rahmen so konstruiert, dass wir mit den einfachsten Verfahren auskommen. Also gelaserte, gebogene und gerade Rohre, Kantteile und ein paar Frästeile. Und das ist es. Diese Einfachheit hat möglich gemacht, dass wir in Deutschland produzieren.
K: Und das ist immer noch so?
S: Ja, das ist immer noch so.
K: Ja, das macht euer Rad so sympathisch. Ein Fahrrad ist einfach kein Auto und auch kein Motorrad, sondern etwas viel Einfacheres. Und ich rede jetzt nicht im Sinne von Nostalgie, darum geht es mir überhaupt nicht. Heutzutage hat man eher wieder einen Blick für solche Ansätze. Die sind auch fast stärkere Statements oder radikaler in ihrer Auffassung als die, die sofort auf alle technischen Möglichkeiten zugreifen.
S: Ja, das sehe ich auch so. Und wir entwickeln unsere Fertigungsverfahren natürlich auch weiter. Ich weiß nicht, ob du das gesehen hast auf der Webseite. Wir haben ja auch einen Schweißroboter, mit dem jetzt zum Beispiel diese Körbe geschweißt werden – komplett bei uns in Köln. Und gerade letzte Woche kam der zweite, der dann komplette Rahmen automatisiert schweißt. Da ist einiges an Know-how nötig, um wirklich so ein ziemlich filigranes, dünnwandiges Objekt auf dem Roboter zu schweißen. Es muss alles auf den Millimeter stimmen, damit die Schweißnaht richtig sitzt. Dieses Ziel der automatisierten Fertigung haben wir auch von Anfang an im Blick gehabt. Wir wollen zeigen: Man kann in Deutschland automatisiert Rahmen herstellen und das zu einem coolen Kostenfaktor.
K: Ein sehr schöner Ansatz.
S: Was mich total interessieren würde. Das Thema Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft hat im Design eine langeGeschichte, vom Cradle-to-Cradle Konzept bis heute. Ich habe den Eindruck, dass du mit Herstellern arbeitest, die vorallem in Europa produzieren und selbst hohe Ansprüche an Nachhaltigkeit haben. Sind das Fragen, die du immer mitdenkst: Wie wirkt sich ein Produkt auf die Umwelt aus, und was passiert damit nach der Nutzung? Wie wichtig sind dir diese Aspekte, und wie bringst du sie in die Zusammenarbeit mit den Herstellern ein? Welche Rolle spielst du dabei?
K: Naja, es gab immer das Ideal von gutem Design. Gutes Design gesucht nach einer Qualität in allem. Das hat auch einen Einfluss darauf, wo produziert wird, mit welchen Ressourcen. Im Grunde ging es immer darum, mit möglichst wenig möglichst viel zu erreichen. Ich finde, dass kann man an tollen, historischen Design-Objekten auch ablesen. Es war nicht so ausgesprochen wie heute, aber es war immer irgendwie da. So bin ich Designer geworden. Es gab immer ein Bewusstsein. Heute ist das Thema viel präsenter, verpflichtender und wird eingefordert.
Und du hast netterweise gesagt, meine Hersteller, denen sei das alles wichtig. Die Hersteller sagen natürlich, dass ihnen das alles wichtig ist. Aber die Maßnahmen, die man dann ergreift, um es umzusetzen – da wird es kompliziert. Es gibt keine einfachen Formeln. Die Umstände sind komplex. Bei jedem neuen Produkt muss man das neu untersuchen – und das wird oft nicht gründlich genug gemacht. Da spielen wir als Designer eine wichtige Rolle: Wir fordern diese Fragen stärker ein und stellen Partner und Firmen auf die Probe.
S: Das wollte ich dich fragen. Bist du also der, der eigentlich die Verantwortung hat?
K: Die Verantwortung habe ich natürlich nicht, ich kann da nur eine Rolle spielen. Aber die spiele ich mittlerweile auch bewusst. Etwa mit der Haltung: Wenn ihr das selbst intern nicht schafft, dann hilft es vielleicht, wenn wir das mit reinbringen und fordern. Oft landet man in der Verhandlung dann aber auch bei dem Punkt: Das finden wir alles wichtig, aber das darf im Grunde nichts kosten.
Aber das stimmt ja so gar nicht. Die Rechnung ist komplizierter als das. Ich habe da auch total viel gelernt. Zum Beispiel mehr Transparenz einzufordern. Wir müssen als Designer eigentlich verstehen, was deren Abläufe sind. Wo liegen denn die eigentlichen Kostentreiber? Wo kann man Prozesse einfacher machen, intelligenter machen, so dass es vielleicht doch gar nicht zu Mehrkosten führt? Und wenn wirklich Zusatzkosten entstehen durch einen nachhaltigeren Ansatz, dann gibt es auch die Möglichkeit, das einfach gut zu kommunizieren. So dass das jeder versteht. Wenn Menschen die Gründe verstehen, dann sind die auch viel bereiter Mehrkosten in Kauf zu nehmen. Ich finde, man ist irgendwie auch bereit Intelligenz zu schätzen, heutzutage. Intelligenz ist so eine ganz wichtige Währung, Und es gibt manche Unternehmen, die sind tatsächlich relativ intelligent, indem wie sie Dinge machen, verstehen das aber noch gar nicht so schlau zu kommunizieren.
S: Zu der Kostenthematik. Ist das nicht immer der Faktor, der darüber entscheidet, welche Breitenwirkung ein Produkt erzielen kann? Ist das die Herausforderung? Mir scheint, du arbeitest ja schon für Firmen, die relativ exklusive Produkte herstellen oder? Würdest du denn für jemandem wie Ikea arbeiten wollen?
K: Doch, sehr gerne. Ich habe das sogar mal versucht, aber ich bin da gescheitert. Ich finde Ikea schon interessant. Du hast das richtig gesagt, Kostenfaktor und Breitenwirkung sind häufig verknüpft. Im Grunde sind es ja Firmen wie Ikea, die wirklich Dinge verändern können, weil die so groß sind, weil die so einen Einfluss haben. Also wenn Ikea die Ersten sind, die, weiß ich nicht, auf bestimmte…
S: …wenn man da die Möbel wieder hinbringen kann am Ende ihrer Nutzung und die wieder Neues draus machen.
K: Ja, so zum Beispiel, genau. Das hätte eine starke Wirkung. Deswegen interessiert mich diese Größe von Industrie immer, aber natürlich ist das schwer. Es gibt sicher Dinge, die man an Ikea kritisieren kann, aber ich würde schon sagen, die machen auch vieles ziemlich gut. Vielleicht auch, weil solche Firmen extrem unter Druck stehen. Die werden natürlich viel mehr beobachtet, als andere Firmen und es passiert schnell, das gesagt wird: Ikea, ihr seid die Bösen. Deswegen haben die viel früher gemerkt: Wir müssen viel schlauer werden, wir sind angreifbar. Während kleine Unternehmen, die dann exklusiver sind, sich noch in einen Freiraum tummeln von…
S: …sie sehen sich nicht in der Verantwortung für die größeren Themen?
K: Ja, genau. Denn sie produzieren ja nur wenige Dinge.
S: Du verstehst dich ja auch sehr klar als Industrie Designer. Es geht dir um die Entwicklung von Serienprodukten.
K: Ja, die Industrie war immer und wird immer mein Ideal bleiben. Ich finde, die Industrie ist ein spannender, wichtiger Faktor für Entwicklung, für Fortschritt – technisch und gesellschaftlich. Aber ich habe eben auch Erfahrungen gemacht mit einer gewissen Größe von Industrie, wo ich merkte: Das ist mit meiner Bürogröße einfach nicht kompatibel. Die haben mich entweder verschluckt, schlecht behandelt, oder ich fand sie dann einfach auch nicht gut – war kritisch, wenn ich den Blick hinter die Kulissen bekommen habe. Bei Ikea sage ich jetzt, für so eine Firma würde ich gerne arbeiten, aber das müsste natürlich funktionieren.
Tatsächlich merke ich schon, dass ich meinen Idealen viel näher komme in der Zusammenarbeit mit Firmen, die eine mittlere Größe haben. Und mit solchen Firmen arbeite ich primär. Die haben durchaus globale Reichweiten und können auch größere Stückzahlen produzieren. Aber die Strukturen sind überschaubarer. Es sind echte Partner, keine Vehikel. Wir arbeiten zusammen. Der Dialog ist wichtig für beide und beide entwickeln sich weiter. Und ein solcher Dialog ist auch viel fruchtbarer. Wenn diese Firmen Dinge radikaler oder intelligenter machen, können sie tatsächlich auch einen großen Einfluss auf einen breiten Markt haben. Nicht über Stückzahlen…
S: …sondern als Role Models.
K: Absolut. Und ich finde die Rolle des Designers in solchen Partnerschaften hat sich unheimlich verändert. Also wir sind nicht Dienstleister, die zum Beispiel ein Briefing bekommen und das ausführen.
S: Ah, keine Briefings. Krass, dass hätte ich aber schon vermutet.
K: Nein. Sehr selten mal. Im Grunde sind wir… ein Team. Manchmal ist es sogar so, wir arbeiten ja viel in Italien, das sind familiengeführte Unternehmen und da ist man auch echt Teil der Familie. Ich arbeite gern für diese Firmen, weil eben die Menschen, die diese Firmen aufgebaut haben und das Interesse, was dahintersteckt, deren Vision, mag ich und deswegen arbeitet man dafür. Die Entscheidungen, an denen wir gemeinsam arbeiten haben große Auswirkungen auf diese Firmen und die Familien. Konsolidieren wir oder gibt es eine radikale Richtungsänderung, fügen wir etwas Neues hinzu? Das löst unheimlich viel aus.
S: Also ganz viel unternehmerisches Denken.
K: Ja, und das war nie Teil meiner Vorstellung von dem, was ich machen würde. Und ich glaube, inzwischen mache ich das ziemlich viel. Ich mache es eigentlich auch gerne und ich weiß nicht, ob darin meine großen Stärken liegen. Sicherlich nicht meine große Stärke, aber ich bringe so viel Erfahrung mit inzwischen. Ich bin oft in solchen Firmen der, der am längsten in dem ganzen Business ist. (lacht) Ich mache das jetzt seit über 30 Jahren. Also, das hat sich total gewandelt. Irgendwann war ich der, der eigentlich von nichts eine Ahnung hat und das war manchmal sogar sehr von Vorteil. Inzwischen bringe ich einen gewissen Vorteil mit, gerade weil ich viel Erfahrung habe.
S: Und hast du jemals gedacht, du machst den Sprung: Ich produziere das Produkt selbst, ich organisiere diese Produktion selbst?
K: Ja, tatsächlich. In den letzten paar Jahren fing das an. Ich habe es oft ganz bewusst überlegt und bin dann aber immer klar zu dem Schluss gekommen: Nein, das stimmt nicht für mich. Es gibt wenige Beispiele von Kolleginnen, die das gemacht haben. Der Tollste war Ingo Maurer, ich weiß nicht, ob er dir was sagt. Ein Lampen-Designer, der eine ganz tolle Firma aufgebaut hat. Aber der war eine völlige Ausnahme und ich fand, entweder müsste man das so machen wie er oder gar nicht. Aber bei uns gibt es mittlerweile unter der Oberfläche zwei, drei Projekte, wo wir diesen Weg mal antesten. Es sind Objekte, die einfach genug sind und wir uns sagen, an denen statuieren wir jetzt mal so das Exempel und spielen das durch. Also wir lassen Prototypen bauen, schauen, was hängt da so dran etc.
S: Ah, das klingt spannend. Also ich kann nur ermutigen.
K: Ja, danke. (lacht)
S: Konstantin, ganz herzlichen Dank für das Gespräch, deine Zeit und die Einblicke.
K: Sehr gern. Es hat mich gefreut.
Unser Interview mit Konstantin ist tatsächlich schon eine Weile her, über ein Jahr, und mittlerweile hat er tatsächlich sein eigenes Label gelaunched: https://www.25kg.eu
Mehr Informationen zu Konstantins Crcics Arbeiten unter: https://konstantin-grcic.com und https://www.instagram.com/konstantingrcicdesign/