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Wir wollen kein SUV-Cargobike

Muli wird fünf Jahre alt. Das erste Kompakt-Cargobike unterzieht sich einer Markenkur. Ein Gespräch über Haltung, Lehrjahre und die Stadt der Zukunft mit Produktdesigner und Geschäftsführer Sören Gerhardt

18.05.2022 -

20 Jahre lang waren Fahrräder einfach Fahrräder: Laufräder, Sattel, Bremsen, Kette – wann und warum hat sich das geändert?

Es gibt gesellschaftliche Veränderungen, die einen anderen Lebensstil wieder plausibler gemacht haben. Immer mehr Menschen leben in Städten, das Leben findet auf engerem Raum statt, die Wege werden kürzer. Ich kam selbst als Student mit Freundin und Kind in die Stadt und es zeigte sich sehr schnell, dass Autofahren keine gute Alltagslösung ist. Zu groß, zu sperrig, zu teuer, einfach zu aufwendig und noch dazu extrem umweltbelastend. Fahrräder sind all das nicht und mit einigen konstruktiven Anpassungen konnten sie Funktionen des Autos übernehmen, sie passen perfekt in diese Lebenswelt.


Welche Rolle spielt muli heute im Straßenverkehr? Was kann es? Was kann es nicht?

Das muli schließt eine Lücke. Die Dänen und Niederländer waren die ersten, die einen neuen Typ Lastenrad in die Städte brachten. Ich fand diese Räder von Bakfiets oder Bullitt sehr beeindruckend – aber für mich persönlich waren sie zu groß, passten nicht in meinen Alltag. So entstand die Idee, zwei Fahrradtypen zu kombinieren: Großes Cargobike und kleines Faltrad. Das Ergebnis war unserer Hybridrad muli. Ein Lastenrad aber mit herkömmlicher Stadtradlänge. Im Straßenverkehr eröffnet das neue Nutzungsmöglichkeiten. Die Menschen können die allermeisten ihrer alltäglichen Transportaufgaben mit dem muli erledigen und bekommen das Ding trotzdem am Abend in den Fahrradkeller. Was es nicht kann? Mehr als zwei Kindern passen nicht rein.


Wie wichtig ist Produktdesign für moderne Verkehrslösungen?

Produktdesign ganzheitlich zu denken, ist extrem wichtig, ich glaube, sogar unverzichtbar, wenn nachhaltige Lösungen entstehen sollen. Im Kern ist Produktdesign Planung und Entwurf. Wenn in dieser Planung ein Problem und damit auch die mögliche Problemlösung, zu isoliert gedacht werden, dann ist das in meinen Augen kein gutes Produktdesign. Wir haben uns von Anfang an immer wieder gefragt: Wie kann ich das Fahrrad auch gut nutzen, wenn ich mal keine Last zu transportieren habe? Wie muss unser Bike konzipiert werden, damit es sich in die gesamte städtische Infrastruktur integrieren lässt? Stichwort Aufzüge, S-Bahnen und Fahrradkeller.

Ich hoffe wirklich, wir haben mit dem muli ein Produkt erschaffen, das mehr Probleme löst als es neue erzeugt.

Spielt gesellschaftliche Verantwortung eine Rolle in deiner Gestaltung?

Absolut. Für uns war es von Anfang an ein Ziel, die Konstruktion so zu gestalten, dass die Herstellung der Einzelteile und die Schweißarbeit in Deutschland - also lokal - stattfinden kann. Kurze Wege, faire Arbeitsbedingungen, hohe Qualität. Zugleich sind wir dem Minimalismus verpflichtet, das sieht man unserem Bike auch an, denke ich. Wir wollen den Ressourcenverbrauch so gering halten wie möglich. Wir wollen kein SUV-Cargobike! Ich hoffe wirklich, wir haben mit dem muli ein Produkt erschaffen, das mehr Probleme löst als es neue erzeugt.

Foto: Tim Kaiser

Was waren deine größten Learnings als Produktentwickler seit der Gründung (2016)?

Mein erstes Learning stand ganz am Anfang, als ich festgestellt habe, dass ich als Abgänger der Designhochschule in der Fahrradbranche fachfremd bin und das genau darin eine große Chance liegt. Wir hatten keine feste Vorstellung davon im Kopf, wie man ein Fahrrad zu bauen hat und sind daher auf Ideen gekommen, die etablierte Firmen nicht hatten. Dann haben wir gelernt, dass ein Produkt nie ganz fertig ist, wir lernen ständig neue Dinge über unsere Bikes. Wir entwickeln die Räder von Saison zu Saison weiter. Das Produkt lebt.


Nun gibt es euch seit 5 Jahren und muli erscheint in neuem Gewand. Was ist neu? Warum habt ihr es angepasst?

Zusammen mit Studio Bosco aus Leipzig haben wir ein neues Logo und diese neue Website entwickelt. Das Logo ist nun raus aus der Pubertät – flexibler für verschiedene Anwendungen, klarer in der Formensprache und fröhlicher. Unser Webshop ist überarbeitet, die Usability deutlich verbessert - wir wollen die Kunden besser informieren und beraten. Insgesamt möchten wir uns mit der Marke weiter öffnen, unsere Werte klarer kommunizieren, mehr Transparenz ermöglichen, zeigen was dahintersteckt und wer. So stellen wir auf der Seite auch unser ganzes Team vor.


… und es gibt diesen Blog.

Ja. Das war mir auch ein großes Anliegen. Ich habe mir schon auf der alten Seite einen Ort gewünscht, an dem man ausführlicher sprechen kann. Die neue Seite soll kein reiner Shop sein, sondern ein Medium, über das auch interessante Inhalte stattfinden und das nicht nur im Kontext muli. Neben Themen aus der Firma und Portaits von muli-Fahrenden möchten wir auch Themen und Akteuere aus dem weiteren Kontext von Stadt und Mobilität vorstellen.


Auf der Website sind auch sehr viele Bilder zu sehen. Was ist euer Bildkonzept?

Es gabe eine klare aber recht grobe Idee am Anfang. Die meisten Bilder sind in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Tim Kaiser entstanden. Am liebsten hätte ich über Wochen Menschen mit den Bikes im Alltag begleitet und zufällige Situationen fotografiert. Natürlich so nicht machbar. Wir haben dann einen Mittelweg zwischen Inszenierung und Zufall gefunden. Mir war wichtig, dass wir mehr zeigen als nur unsere Fahrräder im entleerten Stadtraum, es sollen echte Menschen zu sehen sein, die realen Kontexte, Nähe, Ganzheitlichkeit.


Wie sieht für dich eine Stadt der Zukunft, sagen wir 2100, aus?

Oh, dass ist noch sehr weit weg. Das wäre in der Post-Klimawandel-Ära... Aber ja, wünschenswert wäre eine komplett entschleunigte Stadt. Menschen arbeiten, um zu Leben und nicht andersrum. Kaufen nur noch Dinge, die sie wirklich brauchen und das primär lokal. Sie können wieder mehr für sich selbst Sorgen, in einem geistigen und auch praktischen Sinn. Es gibt Zeit, Dinge langsam und bewusst zu tun. Die Straßenzüge sind beruhigt, es sind weniger Fahrzeuge unterwegs, weil man weniger schnell und weniger mobil sein muss. Stadt- und Landwirtschaftliche Flächen haben sich vermischt. Die Städte der Zukunft gehören wieder mehr den Menschen.


Vielen Dank für das Interview!