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Heute keinen Bock auf Fürsorge

Badrieh ist Künstlerin, zweifache Mutter und Studentin. In ihrem Alltag in Hamburg Altona kämpft sie für ein neues Geschlechterverständnis und mehr Platz für sich selbst.

05.07.2022 -

Hey Badrieh, wer bist du, was machst du?

Ich habe mal Schauspiel studiert, bin Studentin und Mutter – aber eigentlich wollte ich bei dieser Frage dazu übergehen, direkt Künstlerin zu antworten. Ich sollte anfangen, mir das selbst zu glauben.


Was hindert dich daran?

Der Deal mit meinem Vater war, nach der Schauspielausbildung noch „etwas Richtiges“ zu machen. Ich studierte Freie Kunst im Bachelor und Lehramt im Master. Während dieser Zeit habe ich meine zwei Kinder bekommen, ich konnte es schwer aushalten, mich finanziell allein auf meine Kunst zu verlassen – der Kapitalismus, du weißt schon. So kam es zum Lehramtsstudium. Kunst und Deutsch, das schließe ich dieses Jahr ab. Kunst hält bis heute alles zusammen, sie zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.


Wie würdest du deine Kunst beschreiben?

Ich mache Medienkunst, dokumentarische und essayistische Kurzfilme vor allem. Das Verrückte: Ich versuche manchmal, Filme über andere zu machen, doch am Ende stelle ich fest, dass es vor allem Filme über mich selbst sind. Ich spreche  aus einer sehr spezifischen, meiner persönlichen Position heraus über etwas - und vielleicht können andere daran anschließen. Oder eben auch nicht. Sehr autobiografisch. Ich als Frau, mein Körper als Material, das spielt immer eine Rolle.

Während der Pandemie hast du mit einer Freundin den Podcast Muttivation 2.0 gemacht. Ist der auch Teil deiner Selbstbeobachtung?

Eltern und vor allem Mütter sind während Corona komplett untergegangen. Es ging in dem Projekt aber vor allem um das Hinterfragen von Geschlechterrollen, alten patriarchale Strukturen, die ganz automatisch wieder in unser Leben rücken, sobald man Mutter wird. Diese Naturalisierung von Geschlecht, die Zuständigkeit der Mutter, weil sie das Kind im Körper hatte – das ist mir alles zu einfach. Ich sehe es als meine Aufgabe, für immer gegen diese Stereotypen und eingerostete Strukturen zu arbeiten.


Hat sich denn schon was geändert?

Nach meinem ersten Kind war ich sehr geschockt von diesem „In mir ist kaum noch Platz für mich selbst“. Das trat mit dem zweiten Kind etwas in den Hintergrund. Denn mein Freund war auf einmal in gleichem Maß gefordert, sich um unser erstes Kind zu kümmern. Mein Freund ist Kamera-Assistent und arbeitet spontan und eher flexibel nach Buchungen. Wenn er nicht unterwegs ist, hat er keine Arbeit – das ist bei mir anders, denn es gibt immer was zu tun. Doch es verteilt sich heute besser als vor ein paar Jahren.

Wie organisiert ihr euch im Alltag?

Unser Lebensmittelpunkt ist seit einigen Jahren Hamburg Altona: die Kita Schatztruhe, mein Atelier in der Schomburgstraße und unserer Wohnung in der Harkortstraße, alles ist nah beieinander. Wir wollen hier nicht mehr weg. Andere Eltern sind unsere Freunde geworden, meine wichtigsten Verbündeten im Großstadtdschungel. Wir organisieren gemeinsam unsere Leben, holen selten nur die eigenen Kinder bei der Kita ab, fahren einkaufen und treffen uns auf Spielplätzen oder am Elbstrand. Ich liebe es einfach, nach Ottensen reinzufahren und zu wissen, dass immer jemand für mich da ist. Für mich und die Kinder.


Habt ihr ein Auto?

Ja, aber das wird nur noch genutzt, wenn wir zu meinen Eltern an den Stadtrand nach Großhansdorf in Schleswig-Holstein fahren, wo ich aufgewachsen bin. In unserem kleinen Universum machen wir jeden Weg mit dem muli Motor. Mir wurden insgesamt drei mulis gestohlen. Mit jedem Diebstahl habe ich mich hochgetauscht – jetzt möchte ich die Tretunterstützung nicht mehr missen.


Du bist muli-Fahrerin der ersten Stunde. Was hat sich verändert?

Ich habe mich verändert. In Großhansdorf hatte ich mein eigenes Auto. Die Entfernung zum Freibad in Großensee – da wollte ich doch lieber cool sein und meine Freundinnen im Auto abholen. In Altona bedeutet ein Auto heute nur noch Stress bei der Parkplatzsuche oder Kosten für die Garage und den Sprit. Das sind alles Ressourcen, die wir für unsere Familie brauchen. Es gibt jetzt die erste Veloroute direkt durch Altona, einige Fahrradwege wurden ausgebessert. Nicht nur das muli wächst mit uns mit. Auch die Stadt.


Was wünscht du dir für die nächsten Jahre?

Ich will noch öfter sagen können, wenn ich mal keinen Bock auf Fürsorge habe. Ich will, dass Care-Arbeit gleichwertig zu Lohnarbeit gesehen wird. Ich will wieder mehr Platz für mich – ohne Verzicht aufgrund meiner Mutterrolle, ohne Teilzeit und Altersarmut. Vielleicht will ich auch mal ein drittes Kind. Das Wichtigste ist, dass wir uns alle weiterentwickeln. Dass wir nicht stehenbleiben.


Danke für das Gespräch! 


Mehr über Badrieh unter: badriehwanli.com | instagram.com/badrieh
Muttivation2.0 Podcast auf spotify.com